Proletarische Musik


„Schlag zu, Du junge Garde“ – kritische Reflexionen zu proletarischer Musik

Hört man den Begriff „proletarische Musik“, so fallen einem zunächst Personen wie Ernst Busch, Kurt Eisler, Helene Weigel und Bertolt Brecht ein. Assoziationen zum schulischen Liedgut des so genannten realsozialistischen Ostblocks kommen einem ebenso in den Sinn und wie politische Liedermacher á la Hannes Wader.
Die Wurzeln der Arbeiterlieder reichen zurück bis in die Zeit der Bauernkriege und zur Französischen Revolution. In Liedern und Gedichten beschrieben Menschen aus unterdrückten und/oder sozial benachteiligten Ständen, Klassen und Schichten zu verschiedenen Zeiten ihre eigene Lage, Erfahrungen und Hoffnungen.
Dieser Text setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, welchen Bezug man heute noch darauf haben kann und sollte.

Zugegebenermaßen kann das Singen von Arbeiterliedern nach ausreichendem Alkoholgenuss in trauter Runde am Lagerfeuer oder im Bekanntenkreis zu Hause durchaus Spaß machen und abendfüllend werden. Grausam ist dies sicherlich für den außenstehenden Beobachter, der weder das alkoholische Kommunikationslevel noch die an den Tag gelegte Inbrunst und Begeisterung für die meist schief und unmelodisch halb in den Raum hinein gegrölten Vermächtnisse der Arbeiterbewegung teilen kann. Dennoch werden auch bei manchen Teilnehmern bei derlei Zelebrierungen ungute Gefühle hervorgerufen. Und es kann keinesfalls geleugnet werden, dass diese kritischen Bemerkungen durchaus Wahrheiten beinhalten.

Probleme für den Umgang mit Arbeiterliedern erwachsen zum großen Teil daraus, daß sie, wie die Arbeiterbewegung selbst, „Kinder ihrer Zeit“ sind: D.h. zum einen, daß der Kapitalismus ständig in Bewegung ist, sich im Rahmen seiner Logik transformiert und in Zeiten seiner umfassenden Durchsetzung ein anderes Gesicht hatte. Die Not der arbeitenden Massen und die Repression gegen politisch Aktive waren in den Hochzeiten der Arbeiterbewegung massiv und nicht zu vergleichen mit der heutigen Situation in den westlichen Industrieländern. Kämpfe wurden – aus den realen Gegebenheiten heraus – anders geführt, die Arbeiterbewegung hatte ein gewisses Gewicht und Potential. Zum anderen waren Denken und Vorstellungen viel traditioneller geprägt, bestimmte Stereotype waren herrschendes Allgemeingut, Analysen über herrschende Ideologien und Denkmuster in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft waren noch wenig ausgeprägt.
Dennoch würde ich gern unterscheiden zwischen der Zeit der Entstehung der Arbeiterlieder und einem heutigen unkritischen Bezug darauf. Dies gilt ebenfalls für die Arbeiterbewegung an sich, die in ihrer Epoche durchaus positive Momente hatte und Verbesserungen für die eigenen Lebensverhältnisse erringen konnte.

Am besten lassen sich die Kritikpunkte an Inhalten und Denken am Material selbst aufzeigen. Deswegen sollen an dieser Stelle ein paar Beispiele angeführt werden:
Die Arbeiterklasse schien doch ein Vaterland zu haben: Sich Marxens Spruch im Kommunistischen Manifest und einem kosmopolitischen kommunistischen Anspruch widersetzend, schallt es beispielsweise am Ende von „Roter Wedding“ (1929): „damit Deutschland den Deutschen gehört“. Noch ganz anders klang es 1844 in Heines „Die Schlesischen Weber“: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch“. So genannte „deutsche Tugenden“ wurden im Liedgut der Arbeiterbewegung auch groß geschrieben, es herrschte ein allgemein positiver Bezug auf Arbeit: „Mensch der Arbeit aufgewacht“, „bis nicht in großer Rund der Arbeit freies Volk gesiegt“ und schließlich gipfelnd in der beängstigenden Zeile „Die Müßiggänger schiebt beiseite“ in der „Internationalen“. Allerdings lässt auch die vorherige Liedzeile arg negative Assoziationen aufkommen, so kommt einem leicht die Losung „Arbeit macht frei“ in den Sinn, die über dem Tor des Vernichtungslagers von Auschwitz prangte. Als Arbeiter war man stolz auf das Geschaffene bzw. auf die „schaffende Arbeit“, die sie nur von der Bevormundung durch das „raffende Kapital“ und die Ausbeuter und Kapitalisten befreien wollten. Von genereller Kritik dieser Form menschlicher Tätigkeit war jedoch nichts zu erfahren.
Der Bezug auf das „Männliche“ stand im Vordergrund, die Geschlechterverhältnisse waren ein Nebenwiderspruch, dem nicht viel Beachtung geschenkt wurde, sonst wäre es nicht zu solch eindeutigen „Entgleisungen“ (die eben keine waren) gekommen, wie „Es steht ein Mann, ein Mann, so fest wie eine Eiche…“. Nebenbei bemerkt ist die Eiche schon ein sehr deutsches Symbol für männliche Tapferkeit und Standfestigkeit. Im „Roten Wedding“ sind noch weitere Kreationen anzutreffen, die nicht minder negative Assoziationen wecken: „in einer Front“, „haltet die roten Reihen geschlossen“…
Gefährliche Verkürzungen der kapitalistischen Verhältnisse lassen sich beispielsweise in der „Warschawjanka“ finden: So wird dort „allen Bedrückern“ schon mal mit „Tod und Verderben“ gedroht. Mit Blut- und Fahnen-Symbolik wird ebenfalls nicht gespart: „der Freiheit leuchtende Flamme hoch über unseren Häuptern entfacht“, „die Fahne des Sieges der Völkerbefreiung“, „Auf, auf nun zum blutigen heiligen Kampfe, bezwinge die Feinde du Arbeitervolk“, „Mit Arbeiterblut getränkt ist die Erde, gebt euer Blut für den letzten Krieg“. Sehr schnell bekommt man dabei ein ziemlich ungutes Gefühl und negative Assoziationen mit nationalsozialistischen Texten kommen einen in den Sinn.

Adorno und Horkheimer schreiben in den „Elementen des Antisemitismus“ in der „Dialektik der Aufklärung“, dass die Identitäts- und Gemeinschaftsstiftung über Zeichen und Symbole, ein sich darüber auf der einzigen „richtigen Seite“-Wähnen und ein sich durch das Scharen unter diese Symboliken Abgrenzen – also ein Meinen, durch das Ziehen des richtigen „Tickets“ per se auf der richtigen Seite zu sein, ein Element antisemitischer Ideologie sei. Damit soll nicht gesagt werden, dass ein unbedingter kausaler Zusammenhang bestehe – aber man sollte schon immer mit reflektieren, welche Formen und Mittel man verwendet. Oder, wie Martin Dornis in einem Text formulierte: „Die Verballhornung von Gesellschaftskritik zum Fahnenappell war jedoch noch nie emanzipatorisch“.
Angst muss man auch davor haben, wenn in der „Warschawjanka“ zu „Erstürme die Welt, du Arbeitervolk“ angestimmt wird. Und zu den Klängen von „junger Kraft wirds gelingen“, „Wach auf, du junge Garde des Proletariats“, „kämpfende Jugend erschreckt nicht der Tod“ muss man sich nur noch die blonden, blauäugigen und sportlich gestählten Jünglinge vorstellen, die sowohl im Deutschland des Nationalsozialismus und auch der DDR ein jeweils „besseres“ Deutschland errichten sollten, um auf den negativen Beigeschmack dieser Zeilen zu kommen.

Bei aller Kritik – und die muss nicht nur erlaubt sein, sondern ist auch angebracht, wenn man auf die Geschichte linker Bewegungen zurückblickt – lassen sich durchaus auch positive Momente im proletarischen Liedgut entdecken: Beispielsweise im „Internationalismus“, den ich – in seinem damaligen Gewand – weniger als Nationalismus, sondern als Vorläufer eines Kosmopolitismus begreife. Diese eher positiven Momente kommen auch in der „Internationale“ zum Vorschein, die es in vielen Sprachen und Ländern gibt. Satire gegen die deutschen Kriege, gegen Militarismus, Heldentod und gegen den Kampf fürs Vaterland ist ebenfalls in vielen Liedern zu finden, z.B. in der „Legende vom toten Soldaten“. In den „Moorsoldaten“ werden Leid und Hoffnungen der Menschen in den Konzentrationslagern besungen – allerdings ist bemerkenswert (wenn auch nicht im positiven Sinne), dass über den Holocaust an den Juden geschwiegen wird und sich nur Bezüge auf die internierten Kommunisten und Sozialisten finden lassen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Einfordern von gegenseitiger Solidarität und der Bezug auf den Menschen: „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ im „Einheitsfrontlied“. Und, wenn auch der positive Bezug auf Arbeit überwiegend ist, lässt sich ab und an auch eine Kritik an den Arbeitszuständen entdecken – so in „Die junge Garde“: „Wir haben schon erfahren der Arbeit Throngewalt in düstren Kinderjahren und wurden früh schon alt. Sie hat an unserm Fuß geklirrt, die Kette, die nur schwerer wird“.

In Zeiten der Konfrontation der beiden Machtblöcke zwischen 1945 und 1990 wurde diese Musik als eines von vielen ideologischen Rechtfertigungsmomenten für das eigene System verwendet. Vor allem in neu geschaffenen Liedern wurden in diesem Zeitraum Kultur und Ziele der Arbeiterbewegung sowie Stereotype und Inhalte des proletarischen Liedguts stark überhöht, idealisiert und verfälscht. So konnte man sich in die Tradition der Arbeiterbewegung stellen und damit sich selbst als Wegbereiter für deren Ziele darstellen. Natürlich ist hier anzumerken, dass dies nicht vollkommen von der Hand zu weisen ist, dass es durchaus Parallelen, Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten gab – dies aber eben vor allem in negativer Hinsicht. So kann der „real existierende Sozialismus“ mitsamt seinen Ideologien teilweise sehr wohl als Konsequenz aus dem verkürzten (wenn nicht gar falschen) Verständnis der Arbeiterbewegung über die Kernmomente des Kapitalismus und ihre eigene Rolle auf dem Weg hin zu einer besseren Gesellschaft verstanden werden. In diesem Sinne sind Kontinuitäten zwischen traditionell-proletarischer Musik und jener der Ostblockstaaten nicht nur verfälschend und ideologisch verklärend, sondern beruhen auf gemeinsamen Schnittmengen.

Und dennoch macht es meines Erachtens einen Unterschied, die Arbeiterlieder nach ihrer Zeit, nach deren Verwendungen und Neukompositionen in den Jahren zwischen 1945 und 1990 und nach dem heutigen Bezug darauf zu unterscheiden. Der heutige Bezug darauf kann eigentlich nur ein historisch-solidarischer und gleichzeitig politisch-gebrochener sein. Die real-gesellschaftlichen Bedingungen sind heute andere geworden, der Kapitalismus hat sich transformiert, es gibt keine Arbeiterklasse als politisch im positiven Sinne ernst zu nehmendes Subjekt mehr, die Vorstellungen von damals sind überholt. Die Kämpfe und Ziele müssen heute anders formuliert, artikuliert und geführt werden. Arbeit und Arbeiterklasse können und sollten heute nicht mehr als emanzipatorisches Identifikationsmoment dienen, sondern werden richtigerweise als immanente Funktions- und Stabilisierungsmomente des Kapitalismus bestimmt.

Kenneth Plasa